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DER DRITTE ORDEN DES KARMEL TOCarm - johannes soreth

Mein Gott lebt, und ich stehe vor SEINEM Angesicht

Geschichte
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Der Dritte Orden im Karmel  

1. Die Entstehung des Zweiten und des Dritten Orden (1452/1476) 

Der Dritte Orden im Karmel entstand im 15. Jahrhundert nach dem  Vorbild der dritten Ordenszweige der Dominikaner und der  Augustinereremiten. Die Kirchen- und Ordensreform des  Spätmittelalters, vor allem die Bestrebungen des Hl. Stuhles zur  Normierung der vielgestaltigen Frömmigkeitsbewegungen, ließen  keinen Raum mehr für unregulierte Vereinigungen, wie sie im  Umkreis der Karmelitenniederlassungen als Gemeinschaften  religiöser Frauen entstanden waren. Sie legten Gelübde ab und  trugen das Ordenshabit, schlossen sich einzeln oder als  Gemeinschaft in eigenen Häusern den Klöstern an und bildeten mit  ihnen eine Art geistliche Familie, oder sie  zogen sich auch als  Reklusen in die Einsamkeit zurück. Diese persönlich gelebte  Frömmigkeit, die nicht selten unter Häresieverdacht geriet, suchte  der Ordensgeneral Johannes Soreth gemeinsam mit der Kurie in  kirchenrechtlich approbierte Formen zu fassen. 

Papst Nikolaus V. formulierte es in der am 7. Oktober 1452  promulgierten Bulle "Cum nulla" mit den Worten: "Weil keine  Gemeinschaft von Gläubigen rechtlich anerkannt wird, die unter  irgendeinem Deckmantel eines Ordens ohne die Erlaubnis des  Papstes entstanden ist". Mit dieser Begründung übertrug er dem  Karmelitenorden dieselben Rechte zur Aufnahme der  Gemeinschaften in den Orden, wie sie die Dominikaner (seit 1405)  und die Augustinereremiten (seit 1400) besaßen. Der  Franziskanerorden wird nicht erwähnt, wohl weil er mit dem "Ordo  de Poenitentia S. Francisci", seinem 1401 approbierten dritten  Ordenszweig, eine eigene Entwicklung genommen hatte. Allein  Frauen bildeten der Kreis der Gläubigen, denen der Orden, sein  Generalmagister und die Provinziale die Aufnahme, Annahme der  Lebensweise, Zulassung und den Schutz des Ordens gewähren  sollten. Wörtlich genannt werden die religiösen Jungfrauen,  Witwen, Beginen, Mantellaten. Damit ist der Kreis von Frauen  bezeichnet, die bereits seit längerer Zeit in Italien, den Niederlanden  und Deutschland nach den Gewohnheiten und unter dem Schutz  des Ordens der hl. Jungfrau Maria vom Berg Karmel lebten. Sie  sollten dem Karmelitenorden kraft päpstlicher Autorität unterstellt  werden. Daraus wird deutlich, dass der Dritte Orden, genau gesehen,  bereits in der historischen Realität existierte, dass ihm jedoch die  rechtsförmliche Anerkennung fehlte. Mit den Bestimmungen der  Bulle "Cum nulla" erteilte der Papst seine Zustimmung zu der  bislang geübten Praxis, nicht mehr und nicht weniger. 

Die Karmeliten übernahmen unter Johannes Soreth als  Ordensgeneral die Seelsorge für die Frauen als ständige  Verpflichtung, während sie sie zuvor von Fall zu Fall ausgeübt  hatten. In den verschiedenen Gruppierungen von religiösen Frauen,  die die Bulle "Cum nulla" nennt, wird man die ersten Karmelitinnen  des Zweiten Ordens wie auch die ersten Tertiarinnen zu sehen  haben. Freilich gestatten die knappen Formulierungen der Bulle  keine genauere Abgrenzung der beiden Gruppen. Die  Frauengemeinschaften, aus denen sich der Zweite und der Dritte  Orden entwickelt haben, erhielten keine eigens für sie verfaßte  Regel. Gerade das Faktum, dass sie alle einer Regel folgten, sollte  von großer Bedeutung für die Beziehung der drei Zweige des  Ordens werden, und zugleich unterscheidet es den Karmel  grundsätzlich von den Orden des hl. Franziskus und des hl.  Dominikus. Es kennzeichnet das Charisma des Karmel, dass von  Anfang an darauf verzichtet wurde, spezielle Zweit- und Dritt-  Ordens-Regeln zu schaffen. Alle Karmeliten - im Ersten, im Zweiten  und im Dritten Orden - gründen ihr religiöses Leben auf die  Karmelregel des Patriarchen Albert und teilen ihre Spiritualität.   Wollte man zu einer Differenzierung zwischen dem Zweiten und  dem Dritten Orden gelangen, müßte man eine Reihe weiterer  Fragen stellen, die sich mit den Bestimmungen der Bulle nicht  beantworten lassen, denn die päpstliche Kanzlei regelte nur die  Probleme, die dem Hl. Stuhl vorgelegt worden waren. Johannes  Soreth stand in erster Linie die rechtliche Absicherung der  Aufnahme der Beginen in Geldern vor Augen. Weiterhin galt seine  Sorge mit den sog. Mantellaten einer Frauengemeinschaft, die sich  dem Florentiner Karmel assoziiert hatte. Auch sie findet in der Bulle  namentliche Erwähnung. Mit dem Namen von Johannes Soreth und  mit der Bulle "Cum nulla" verbindet die Geschichtsschreibung zu  Recht die Entstehung des Zweiten und des Dritten Orden. 

Die kanonische Errichtung der beiden Ordenszweige wurde 1452  noch nicht vollzogen. Das geschah erst ein knappes  Vierteljahrhundert später mit der Bulle "Dum Attenta" ("Mare  Magnum" Carmelitarum) vom 28. November 1476, mit der Sixtus IV.  den Orden der Karmeliten mit den anderen Bettelorden rechtlich  gleichstellte. Hier wird zum ersten Mal eine klare Unterscheidung  erkennbar zwischen den "monasteria monialium", die den Zweiten  Orden bildeten, und den "monasteria monialium", die unter der  "cura" und nach den "instituta" der Karmeliten lebten. Die  "Geburtsurkunde" des Dritten Orden findet sich in § 84 der Bulle.  Er gewährte dem Karmelitenorden das Recht zur Aufnahme von  Jungfrauen, Witwen, Mantellaten, Pinzochere, verheirateten Frauen  und - erstmals genannt - auch Männern, ausdrücklich nach dem  Vorbild der drei anderen Bettelorden. Sie sollten das  Ordensgewand tragen und die Regel des Patriarchen Albert als  Lebensregel annehmen. Zugleich erhielten sie Anteil an der  Privilegierung des Ordens und galten damit auch als vollgültige  Ordensmitglieder. Die äußere Gestaltung ihres Lebens richtete sich  nach den individuellen Gegebenheiten; sie lebten einzeln oder als  kleinere Gemeinschaften in Privathäusern. Ein klösterliches Leben  wurde von den Tertiaren nicht gefordert.  

2. Eine Regel und viele Konstitutionen: Die Normierung des  religiösen Lebens im Dritten Orden 

Der Dritte Orden entwickelte in den folgenden Jahrzehnten ein  eigenes Profil, das ihm im Gesamtorden ein Eigenleben gestattete  und ihn zugleich von den Drittorden der anderen Bettelorden  unterschied. Dazu gehörte es auch, dass sich in der Praxis des  alltäglichen Lebens eine große Variationsbreite in der Gestaltung  des religiösen Lebens entwickelte. Die Mitglieder des Dritten Orden lebten in weniger gefestigten Gemeinschaftsstrukturen als  die des Ersten und Zweiten Ordens. Sie lebten als Einsiedler, in  Männer- oder Frauengemeinschaften gemeinsam unter einem Dach  oder auch in ihren Familien. Die Lebenswirklichkeit der Tertiaren ist  nur in Ausnahmefällen in biographischen oder autobiographischen  Zeugnissen wie persönlichen Tagebüchern, Briefen oder Berichten  schriftlich festgehalten worden. So stellen die  Tagebuchaufzeichnungen der flämischen Tertiarin Maria Petyt  (1623-1677), die sie an ihren geistlichen Begleiter Michael vom hl.  Augustinus gesandt hat, eine einzigartige Quelle dar. Im  allgemeinen gewähren lediglich die Rechtsquellen einen Einblick in  die Art und Weise, wie die Tertiaren ihr geistliches Leben gestalten  sollten. Es sind in erster Linie Kommentare und ergänzende  Vorschriften zur Regel wie Gebräuche, Konstitutionen und  Consuetudines, die  die Norm und die äußeren Formen, nicht aber  die religiöse Erlebenswelt der einzelnen Personen widerspiegeln.  

 2.1. Der Regelkommentar des Johannes Soreth 

Dabei handelt es sich ausdrücklich immer um Adaptationen der  Regel des Patriarchen Albert von Jerusalem. Bereits der erste,  Johannes Soreth selbst zugeschriebene Regelkommentar aus dem  Jahr 1455 wird als "extraitte de la premiere ... pour les soeurs  familieres du tierche Ordre et autres", also als Auszug aus der  Regel für den Ersten Orden, abgestimmt auf die Schwestern des  Dritten Orden, bezeichnet. Er wurde von Philippus a Visitatione  1675 in zeitlichem und inhaltlichem Zusammenhang mit der  Erarbeitung der "Regula Jacomelli" im Druck herausgegeben. Die  Bestimmungen sind auf einen Kreis von Frauen zugeschnitten, die  sich in den grundlegenden monastischen Tugenden übten. Sie  geben Antwort auf die Frage, wie die Tertiaren zu leben hatten: sie  trugen das Gewand des geistlichen Lebens, lebten gehorsam und  zölibatär, hielten das Stundengebet und vertieften sich im privaten  Gebet, nahmen täglich an der Meßfeier teil, und schließlich  beachteten sie auch die Abstinenzvorschriften beim Fleischgenuß  und die monastischen Fastenzeiten.  

Der Regelkommentar Johannes Soreths gewann außerordentliche  Bedeutung für die weitere Entwicklung, denn er wurde zum  Ausgangspunkt für mehrere unterschiedliche Zweige des Dritten  Ordens. In erster Linie wurde die hier geforderte monastische  Lebensweise der Frauen zu Beginn des 18. Jahrhunderts zum Ideal  für die "klösterliche Abteilung" des Dritten Orden, die Karmeliten-  Tertiarinnen, die sich zu einem Leben im Kloster  zusammenschlossen. Als erste sind die Karmeliten-Tertiarinnen  von Avranches (Normandie) zu erwähnen. Nach ihrem Vorbild  entstanden im Stammorden wie auch im Teresianischen Karmel  eine Reihe  weiblicher Kongregationen mit zahlreichen Klöstern.  Nur vereinzelt waren es rein kontemplativ lebende Gemeinschaften.  In erster Linie übernahmen die Kongregationen des Dritten Orden  Aufgaben in der Fürsorge für Waisenkinder, Arme und Alte, in der  Krankenpflege, in Unterricht und Erziehung, gingen aber auch u.a.  in Indien in die Mission. In gleicher Weise widmeten sich die  Genossenschaften von Tertiarbrüdern, die seit dem 19. Jahrhundert  entstanden, diesen Aufgaben. 

2.2. Die Grundordnung des Theodor Stratius

Doch wurden zu allen Zeiten Menschen von der karmelitanischen  Spiritualität angezogen, die nicht zum klösterlichen Leben berufen  waren. Sie lebten weiterhin ihr Privatleben in unterschiedlichen  Formen der Assoziierung an den Orden, so dass sich eine bunte  Vielfalt entwickelte. Dieser sog. Weltliche Dritte Orden erhielt seine  Grundordnung 1637 durch Theodor Stratius, den Generalprior des  Stammordens, mit dem "Opusculum regularum et constitutionum  pro tertiariis utriusque sexus Ord. Carmelitarum Antiquae  Observantiae Regularis". Als "erster Gesetzgeber des Dritten  Ordens im Karmel" führte er alle Sonderentwicklungen, die sich in  den einzelnen Provinzen gebildet hatten (und deren Verästelungen  hier nicht nachgezeichnet werden können), zu einem einheitlichen  Ganzen zusammen. Läßt auch der Titel eine Lebensordnung für  weibliche und männliche Tertiaren erwarten, so betreffen die  konkreten Formulierungen im Text doch allein eine "Form und  Regel" für die weiblichen Tertiaren des weltlichen Zweiges, da  ausschließlich die "sorores" wörtlich genannt werden. Den  konkreten Anlaß für seine Aufzeichnung fand Stratius in seiner  Auseinandersetzung mit den Franziskanern, die die päpstliche  Privilegierung des Dritten Orden der Karmeliten anzweifelten.  Dazu  stellte Theodor Stratius unmißverständlich fest: Der Dritte  Orden ist durch Sixtus IV. privilegiert worden. Damit berief er sich  auf die Bulle "Dum attenta". Er ließ auch keinen Zweifel daran, dass  seine Vorschriften für die Lebensweise der Mitglieder des Dritten  Ordens nichts anderes seien als eine Anpassung der  ursprünglichen Karmelregel an deren Lebensumstände. In den   einzelnen Bestimmungen, die detailfreudiger sind als die  Kommentierung Johannes Soreths, wurden sie zur Einhaltung der  monastischen Gelübde und Tugenden verpflichtet. Sie sollten in  Gehorsamkeit und Keuschheit leben, Barmherzigkeit üben,  Müßiggang meiden, täglich die Messe hören und das Stundengebet  nach dem Vorbild der Konversen sprechen. dass sie das  Ordensgewand tragen sollten, verstand sich von selbst. Ebenso  selbstverständliche Voraussetzung für die Zugehörigkeit zum  Dritten Orden war die einfache Profeß, die öffentlich in der Kirche  vor dem Superior abgelegt wurde. Stratius bildete sie der  Profeßformel des Ersten und des Zweiten Ordens nach, eliminierte  jedoch das Versprechen der Besitzlosigkeit, weil es sich mit den  Lebensumständen der Drittordensmitglieder nicht vereinbaren ließ.  Die Wirkung der "Regula Stratii" war insbesondere in Spanien,  Portugal und Brasilien außerordentlich groß. Hier ging der Dritte  Orden einen Sonderweg, da er ihre Tradition bis in das 20.  Jahrhundert bewahrte und die im späten 17. Jahrhundert von Italien  ausgehenden Neuerungen nicht übernahm.   

2.3. "Regula et Statuta" von Jacomelli und Tartaglia 

Die Regulierung des Dritten Orden kam erst 1678 unter Stratius'  Nachfolger als Generalprior, Aemilius Jacomelli, zum Abschluß. Die  Reform des Dritten Ordenzweiges ist nicht isoliert, sondern nur im  Zusammenhang mit der historischen Situation des Gesamtordens  zu verstehen. Es  war die Zeit, als Zweifel an der Privilegierung des  hl. Skapuliers (sog. "Samstagsprivileg" aufgrund der Bulla  Sabbatina) aufkamen und als auch die Ordensgründung durch den  Propheten Elija kritischer Prüfung unterzogen wurde. Mit beiden  Fragen, insbesondere mit der Skapulierverehrung, war der Dritte  Ordenszweig eng verbunden. Um die kritischen Stimmen von  außen gezielt abwehren zu können, ordnete der Generalprior für  alle Veröffentlichungen in Ordenssachen seine vorherige  Approbation an. In diesem Kontext promulgierte er seine neue  Regelvariante für den Dritten Orden, die der Generalkommissar  Ferdinando Tartaglia durch Ausführungsbestimmungen (Statuta)  erläuterte. In den vier Jahrzehnten hatten sich die Schwachstellen  von Stratius' Werk gezeigt, denn er hatte - wie schon vor ihm  Johannes Soreth - in erster Linie die  Frauen vor Augen gehabt, die  zölibatär lebten. 

Die Vorschriften werden in 19 Kapiteln ausgebreitet. Sie betreffen  im einzelnen folgende Punkte: die Auswahl der Kandidaten und ihre  Aufnahme, die Profeß, die Unterordnung unter den Orden, den  Gehorsam, das Zölibat, das Ordensgewand, die Tugenden und die  "geistlichen Waffen", die Wohnungen, das Stundengebet und das  persönliche stille Gebet, Sakramentenempfang und tägliche  Teilnahme an der Messe, Abstinenz- und Fastengebote, Handarbeit,  Stille, die Pflicht zu Eintracht und Frieden untereinander,  Bestrafung von Vergehen u.a. Mit diesen Vorschriften erreichte die  Gesetzgebung für den Dritten Orden ihren Höhepunkt und  Abschluß. Sie bildete für die nächsten annähernd 300 Jahre die  Ordnung für das Leben der Mitglieder des Dritten Orden. Sie ging  auch in eine kaum überschaubare Vielfalt von  Kompendien,  Manualen, Handbüchern u.a. für das Leben der Mitglieder des  Dritten Orden in französischer, italienischer, spanischer,  niederländischer und deutscher Sprache ein. Erst 1948 wurde sie  durch die Bestimmungen abgelöst, die P. Johannes Brenninger, der  Beauftragte für den Dritten Orden, im Auftrag von Generalprior  Kilian Lynch erarbeitete. Vom Generalkapitel des Ordens gebilligt,  wurden sie am Hochfest der hl. Jungfrau Maria vom Berge Karmel  1948 vom Päpstlichen Stuhl approbiert. Nach den Bestimmungen  des II. Vatikanischen Konzils wurde der Text der Zeit angepaßt und  die revidierte Fassung 2003 durch den Generalprior Joseph  Chalmers erlassen. 

Seit Jahrhunderten hat der "mystische Raum des Karmels" (Kees  Waaijman) Platz für die Trias der Ordenszweige. Unzweifelhaft ist  der Dritte Orden der Zweig, der die größte Vielfalt der Formen zur  äußeren Gestaltung des Lebens erlaubt, aber zugleich die  schwächste Binnenstruktur und den geringsten Organisationsgrad  besitzt. Gemeinschaften von Tertiaren entstanden und gingen  unter, ohne Spuren in der Geschichte hinterlassen zu haben. Das  weitgehende Fehlen schriftlicher Zeugnisse macht eine  Geschichtsschreibung für den Dritten Orden über weite Strecken  unmöglich. Deshalb ist  eine Beschreibung der Entwicklung der  vielgestaltigen Gemeinschaften, wie z. B. der Teresianischen  Karmelgemeinschaften, der Karmelkreise des Stammordens,  regionaler und lokaler Gruppen, bisher nicht einmal ansatzweise  versucht worden.  3. Der Werdegang des Dritten Orden nach der Tourainer Reform  Seine große Zeit erlebte der weltliche Dritte Orden im 17. und 18.  Jahrhundert vor allem in Frankreich und in Belgien. Seine weiteste  Verbreitung fand er in der Provinz Tours, wo die Tourainer Reform  die Voraussetzungen für sein Aufblühen schuf. Ihre führenden  Köpfe suchten den Kompromiß zwischen der ursprünglich rein  kontemplativen Grundorientierung des Karmelitenordens und der  apostolisch-seelsorglichen Ausrichtung, die ihm anfangs fremd  gewesen war und die er bei der Umwandlung in einen   Mendikantenorden angenommen hatte. Zwar hatten auch frühere  Ordensreformen bereits dieses Ziel angestrebt, doch stets nur  unvollkommen erreichen können. Die Reformer von Touraine  fanden nun aber im eigenen Orden in der geistlichen Begleitung der  Tertiaren eine seelsorgliche Aufgabe, die sich unschwer mit der  Verwirklichung ihres geistlichen Weges in Gebet und  Kontemplation vereinbaren ließ.  

Wie viele Tertiarengemeinschaften entstanden, wie viele Mitglieder  ihnen angehörten, wie viele Frauen, wie viele Männer darunter  waren - für die meisten Fragen sucht man vergeblich nach  Antworten. Es läßt sich nur allgemein festhalten, dass der Bedarf an  Kommentaren zur Regel anwuchs, wie etwa des Werkes von Marc  de la Nativité de la Vièrge, der die Regel und die Statuten von  Jacomelli und Tartaglia übersetzte und mit einem eigenen  Kommentar versah. In der Tatsache, dass sein Werk in weniger als  einem Jahrhundert mehr als neunmal nachgedruckt wurde, spiegelt  sich die wachsende Beliebtheit des Dritten Orden wider. Auch der  Ordenshistoriker Daniel a Virgine Maria schrieb kurz nach der  Übernahme der Reform von Touraine in Belgien ein Manuale für  den Dritten Orden, das die Verbreitung des Dritten Orden in  Belgien förderte. Selbst auf die Pinzochere in Italien gewann die  Reform von Touraine Einfluß, nachdem sie in der Provinz Turin  eingeführt und das Manuale von Marc de la Nativité de la Vièrge in  die italienische Sprache übersetzt worden war. Es wurde - wie sich  an den zahlreichen Drucken ablesen läßt - das bevorzugte Manuale  in allen italienischen Ordensprovinzen. In Deutschland finden wir  hingegen nur vereinzelte Spuren von Tertiarengemeinschaften,  etwa in Köln und an anderen Orten am Rhein. 

Der Untergang des geistlichen Lebens im Gefolge von  Französischer Revolution und Säkularisation machte auch vor den  drei Ordenszweigen des Karmel nicht Halt. Erst nach der Mitte des  19. Jahrhunderts erwachte wieder neues Leben, Klöster wurden  wiederbesiedelt oder entstanden neu. Auch der Dritte Orden -  "since the Third Order is an integral part of the Order", wie Mark  Reuver betont - erfuhr einen Neubeginn. Zunächst in den  Niederlanden und in Bayern (Straubing, 1841), seit 1870 auch in den  Vereinigten Staaten, auf den Philippinen, in Brasilien (1881) und in  den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in Österreich, Italien,  Spanien, Portugal, Lateinamerika, England - weltweit entstand der  Dritte Orden neu im Gefolge des Ersten Ordens. So bildeten sich  auch an einigen der deutschen  Karmelitenklöster  Drittordensgemeinschaften - zuerst in Straubing, Bamberg, Mainz  und Bad Reichenhall.      

4. Stete Erneuerung - Der Dritte Orden auf seinem Weg im 21.  Jahrhundert 

Neubeginn hat im Karmel eine historische Dimension. Seit der  Ankunft der ersten Eremiten Unserer Lieben Frau vom Berg Karmel  in Europa hat der Karmelitenorden immer wieder die Kraft zur  Erneuerung bewiesen. Seine  Vitalität zeigt sich gerade in der  Fähigkeit, auf die Veränderungen der Lebensbedingungen positiv  zu reagieren. Die Reformen im Karmelitenorden beziehen sich auf  den einen Ausgangspunkt: die Regel des Patriarchen Albert. Jede  Reform beruft sich auf die "formula vitae" und sucht in ihrer  jeweiligen Gegenwart deren unveränderliche Wahrheit zu finden.  Die Geschichte des Karmelitenordens kann mit einer gewissen  Berechtigung als eine Geschichte von Reformen geschrieben  werden. Die Reform Teresas von Avila reiht sich in deren Abfolge  ein. Sie hatte eine Erneuerung des Lebens im Orden vor Augen,  nicht aber dessen Spaltung, die sie zu ihren Lebzeiten noch  verhindern konnte, die jedoch mehr als ein Jahrzehnt nach ihrem  Tod den Orden erschütterte.  

Als Reformbewegung entstand im Zusammenhang mit der 550-  Jahr-Feier für die Bulle "Cum nulla" in Deutschland ein neuer  Dritter Karmelitenorden. Der Neuanfang wurde am 3. Oktober 2002  in Geldern durch den Generalprior des Stammordens, Joseph  Chalmers, genehmigt. Die Provinzleitungen der beiden Provinzen  Oberdeutschland und Niederdeutschland approbierten seine  Statuten "Vor deinem Angesicht" "ad experimentum" und bestellten  P. Dominikus Lankes OCarm. zum Provinzdelegaten für den Dritten  Orden. Der neue Dritte Orden wurzelt tief in der Tradition der Regel  des Patriarchen Albert und des spirituellen Reichtums des Karmel.  Seinen Reformansatz findet er in der Rückkehr zu den Ursprüngen  der Karmeltradition.  

Er will den Frauen und Männern, die sich von dem Charisma des  Karmel angesprochen fühlen, Orientierung und Gemeinschaft in  einem geistlichen Zuhause bieten. Das spezifische Charisma des  Karmel, eine kontemplativ geprägte Gemeinschaft inmitten der  Menschen zu sein, stiftet die Identität des Dritten Orden. Gebet  und Kontemplation; geschwisterliche Gemeinschaft, die offen ist  für Menschen, die die liebende Nähe Gottes in ihrem Leben  erfahren wollen; Engagement für eine authentische christliche  Spiritualität sind die wichtigsten Elemente des Karmelcharisma. In  dieser Weise möchten die Mitglieder des Dritten Orden ihr  geistliches Leben in der Nachfolge Christi führen. 

In seiner Organisationsform reagiert der Dritte Orden auf die  Veränderungen in der Gesellschaft im allgemeinen und in den  Ordensgemeinschaften im besonderen. Infolge der Konzentration  der Ordensniederlassungen der Karmeliten auf wenige Zentren  besteht heute nur noch in eingeschränkter Form die Möglichkeit zu  einer direkten Anbindung von Tertiaren an ein Kloster. Wenn man in  den Fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch sagen  konnte, "eine Karmelitenkirche ohne ihren Dritten Orden ist wie ein  Daheim ohne eine Familie" (Mark Reuver), so gilt heute vice versa,  dass diese Familie oft ihr Daheim verloren hat und dass die  Gemeinschaft des Dritten Orden ohne ein Karmelitenkloster  auskommen muß. Bedingt durch berufliche, familiäre und andere  persönliche Gründe wohnen die Mitglieder des neuen Dritten Orden an vielen verschiedenen Orten über die gesamte  Bundesrepublik verstreut und haben keine gemeinsamen Häuser.  Sie unterstützen sich jedoch nach ihren Möglichkeiten gegenseitig  in ihrem geistlichen Leben, halten zur fortwährenden spirituellen  Vertiefung Kontakt untereinander und zu den Brüdern und  Schwestern im Orden und treffen mehrmals im Jahr zu den  karmelitanischen Besinnungstagen und Jahrestreffen zusammen.  Anhand von Texten aus der Bibel und der Ordenstradition wird das  eigene Charisma überdacht, weiterentwickelt und entfaltet.  

Die Mitglieder des Dritten Orden - Frauen und Männer, verheiratete  und unverheiratete - binden sich nach einem einjährigen Noviziat  durch ein öffentliches Versprechen an die Zugehörigkeit zu der  großen Karmelfamilie. In der Zugehörigkeit zum Dritten Orden des  Karmel finden sie die Möglichkeit, Partnerschaft, Familienleben und  Freundschaften mit einem intensiven geistlichen Leben und der  Zugehörigkeit zu einer spirituellen Gemeinschaft zu einem  harmonischen Ganzen zu verbinden. Als bewußte Gegenbewegung  gegen den Individualismus unserer modernen Gesellschaft bietet  der Dritte Orden an, "nicht nur in sich selbst, sondern ebenso auch  in anderen Menschen einen Bezugspunkt für das eigene Leben zu  finden und zu diesen anderen Menschen ein Band der Liebe und  der Freundschaft zu knüpfen". Seine Kraft gewinnt er aus dem  Vertrauen, dass es  seinen Mitgliedern gelingen möge, in  Nachahmung der Apostel ein Herz und eine Seele zu werden (Apg  4,32). (Aus den Konstitutionen "Vor Deinem Angesicht"). 

Seine Aufgaben "inmitten der Welt" nimmt der Dritte Orden in  geschwisterlicher Verbundenheit mit den Schwestern und Brüdern  im Karmel wahr. Mark Reuver OCarm hat sie mit den Worten  charakterisiert: "Der Orden von heute ist sich dessen bewußt, dass  sein größtes Apostolat das des Dritten Orden ist. Das Erbe des  Karmel ist kostbar, und der beste und wirksamste Weg, es mit der  Welt zu teilen, geschieht durch den Dritten Orden." (Übersetzung  der Verf. nach Reuver, Catechism, S. 19). 

5. Quellen- und Literaturauswahl 

5.1. Konstitutionen 
Azevedo, Miguel de, OCarm: Regra da Ordem terceira da Mãi  Santissima e soberana Senhora do Monte do Carmo. Lisboa 1788.  Daniel a Virgine Maria, OCarm: Speculum Carmelitanum sive  historia eliani Ordinis fratrum beatissimae Virginis Mariae de Monte  Carmelo. 2 Bde. in 4 Tl., Antwerpen 1680.  Fuente, Miguel de la, OCarm: Regla y modo de vida de los  hermanos terceros y beatas de la nuestra Señora del Carmen.  Toledo 1615. 
Juzarte, Pedro da Cruz, OCarm/Manuel da Encarnaçao, OCarm:  Compendio da regra dos írmãos da veneravel Ordem terceira de  Nossa Senhora do Carmo. Lisboa 1685. 
Kurtze Beschreibung und Regel des Dritten Orden unser Lieben  Frawen Brüder vom Berg Carmelo. Erstlich durch den Ehrw. Patrem  Danielem a Virgine Maria Ordinis Fratrum Beatiss. Virg. Mariae de  Monte Carmelo Provinciae Belgicae Provincialem in  Niederländischer Sprach zum Truck verfertigt.
 Anjetzo aber aus  selbiger durch R.P.F. Carolum a S. Anastasio ejusdem Ordinis  Provinciae Allemanniae Inferioris Priesteren in die hochteutsche  Sprach übersetztet. Zweyter Truck. Köln 1721. 
Lezana, Iohannes Baptista, OCarm: Summa quaestionum  regularium. 4 Bde. Lugduni 1655-1656.  [Marc de la Nativité de la Vièrge, OCarm:] Manuale de' terziari  carmelitani, regula Iacomelli. Nizza 1755. 
Maruggi, Elias, OCarm: Regola per le tertiarie dell'Ordine della B. V.  M. del Carmine. Catania 1624.  Die Regel des Dritten Orden des Karmel. Rom 2003. Deutsche  Ausgabe, hrsg. von der Oberdeutschen und Niederdeutschen  Provinz der Karmeliten. Bamberg und Hamminkeln-Marienthal 2004.  Regel-Büchlein für den dritten Orden unserer lieben Frau vom  Berge Karmel. Straubing 1907. 
Regula tertii ordinis B. V. M. de Monte Carmelo, in: Analecta Ordinis  Carmelitarum 13, 1946-1948. 
Soreth, Ioannes, OCarm: Troisieme regle des freres et sœurs de  Nostre Dame du Mont Carmel, extraite de la premiere et accomo-  dée pour le tiers Ordre des Carmes par bien-heureux Iean Soreth  General des trois Ordres, et commis à cet effet par Nicolas V pape.  Hg. v. Philippus a Visitatione OCarm. o.O. 1675, Neuausgabe von G.  Wessels, OCarm, in: Analecta Ordinis Carmelitarum 3, 1914-1916, S.  263-266. 
Stephanus a S. Francisco Xaverio, OCarm: Le Tiers-Ordre de  Nostre-Dame du Mont-Carmel. Paris 1672. 
Stratius, Theodor, OCarm: Opusculum regularum et constitutionum  pro tertiariis utriusque sexus Ord. Carmelitarum Antiquae  Observantiae regularis. Roncilione 1637. 
Tartaglia, Ferdinandus, OCarm: Statuta seu brevis explicatio  regulae fratrum et sororum Tertii Ordinis B. M. V. de Monte Carmelo,  in: Manuale de' terziari carmelitani. Nizza 1755. 
 Vor deinem Angesicht. Der Dritte Orden in der Oberdeutschen und  Niederdeutschen Provinz der Karmeliten. 2003. 
Zimmerman, B., OCD/M. de la Croix OCD: Constitutiones antiquae  tertii Ordinis saecularis B. V. Mariae de Monte Carmelo, in: Analecta  Ordinis Carmelitarum Discalceatorum 2, 1927-1928, S. 215-222. 

5.2. Literatur 

Bonduelle, J., OP: Les tiers-Ordres séculiers, in: La vie spirituelle,  Supplément 4, 1950, S. 423-457. 
Caioli, P., OCarm: I primi monasteri di Carmelitane e le prime  compagnie di terziari carmelitani in Firenze, in: Analecta Ordinis  Carmelitarum 18, 1953, S. 2-55. 
Catena, Claudio, OCarm: Antiquae consti-tutiones monialium  Carmelitarum, in: Analecta Ordinis Carmelitarum 17, 1952, S. 195-  326. 
Catena, Claudio, OCarm: Le Carmelitane. Storia e spiritualità.  (Textus et studia historica Carmelitana, 9) Rom 1969
Cicconetti, Carlo, OCarm: La regola del Carmelo. Origine - natura -  significato. (Textus et studia historica Carmelitana, 12) Rom 1973. 
Elisée de la Nativité, OCD: Tiers Ordre du Carmel, in: Jean de  Longny, A l'ombre des grands Ordres. Paris 1937, S. 211-257.  Esteve, Enrique María, OCarm: De spiritu Tertii Ordinis Carmelitici,  in: Carmelus 6, 1959, S. 51-152. 
Jacobus a S. Antonio, OCarm: Oorspronck-elycke wesentlycke,  ende practyckelycke afbeeldinghe van de derde orden onser lieve  Vrouwe des Berghs Carmeli. Antwerpen 1691. 
Michael vom hl. Augustinus, OCarm: Het leven van de werdighe  moeder Maria a Sta. Teresia. Gent 1683-1684 (Auswahltexte in  deutscher Übersetzung: Maria Petyt, Leben aus dem Nichts.  Übersetzt und eingeleitet von Elisabeth Hense [Schriften zur  Kontemplation, 10] Münsterschwarzach 1995.). 
Motta Navarro, Thomas, OCarm: Tertii Carmelitici saecularis ordinis  historico-iuridica evolutio. (Textus et studia historica Carmelitana,  4) Rom 1960. 
Reuver, Mark, OCarm: A short history of the Third Order Secular of  Mt. Carmel, in: A Catechism of the Third Order Secular of Our Lady  of Mt. Carmel. Faversham 1954, S. 3-19. 
Teuws, Seraphinus, OCarm: De evolutione privilegiorum ordinis  Carmelitarum usque ad Concilium Tridentinum, in: Carmelus 6,  1959, S. 153-223. 
Waaijman, Kees, OCarm: Der mystische Raum des Karmels. Eine  Erklärung der Karmelregel. Mainz 1997. 

Edeltraud Klueting T.OCarm