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DER DRITTE ORDEN DES KARMEL TOCarm - johannes soreth

Mein Gott lebt, und ich stehe vor SEINEM Angesicht

Die Reformbewegung von 2002
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Stellt euch an die Wege und haltet Ausschau, fragt nach den Pfaden der  Vorzeit, fragt, wo der Weg zum Guten liegt; geht auf ihm, so werdet ihr  Ruhe finden für eure Seele. (Jer 6, 16) 

 

Rund 800 Jahre ist es her, dass der Karmelitenorden durch den Hl.  Albert von Jerusalem seine Regel erhielt, und so die lange Tradition des eremitischen Lebens am Berg Karmel eine formale Gestalt  annahm. Die päpstliche Approbation von 1247 sicherte den  Fortbestand des Ordens nach dessen inhaltlicher Erweiterung in  Europa. Dadurch wurde der Geist des Karmel, wie er von den  Brüdern gelebt wurde, für die Welt sichtbar. Laien verspürten den  Ruf, ihr Leben nach der Regel des Karmel auszurichten. Papst  Nikolaus V. gab in der Bulle „Cum nulla“ von 1452 den Auftrag zur  Eingliederung dieser Gemeinschaften in den Orden, um ihnen ein  geistliches Leben in enger Verbindung mit den Karmelitenkonventen zu ermöglichen. Es war der Beginn des Zweiten und des Dritten  Ordens. Die kanonische Errichtung der beiden Ordenszweige wurde mit der Bulle „Dum Attenta“ von 1476 durch Sixtus IV. vollzogen.  Johannes Soreth, der damalige Ordensgeneral, war der Motor für  diese Veränderungen. Es war auch seine Entscheidung, dass  weiterhin die eine Ordensregel für alle Zweige des Ordens gelten  sollte. Damit unterstrich er die Verbundenheit aller im  karmelitanischen Charisma geeinten Ordensmitglieder, die ihre  Berufung in verschiedenen Lebensbedingungen gestalten. Der Dritte Orden formte sich sowohl in Kongregationen aus, als auch in  Gemeinschaften von Frauen und Männern aller Stände, die meist  Verbindung zu einem Karmelkloster hielten (nach Edeltraud Klueting, Der Dritte Orden im Karmel).

Die Lebensbedingungen unserer modernen Gesellschaft scheinen  aber neue Antworten für das kamelitanische Leben im Dritten Orden einzufordern, da das traditionelle Festmachen an einem Ort den  Bedingungen der auf Mobilität und Flexibilität angelegten Berufswelt nicht mehr entspricht. So entstand 2002 in Geldern eine Reformbewegung des deutschen  Dritten Orden. Er ist nicht mehr an einem Kloster angesiedelt. Durch den Delegaten ist er mit dem Stammorden verbunden. Nach einem Jahr des Kennenlernens im Postulat wird der Bewerber in das Noviziat aufgenommen. Nach dieser Zeit der Vorbereitung und Prüfung legt er seine Profess ab. Die Mitglieder treffen sich zweimal jährlich zum Kapitel an  wechselnden Orten.

Der Dritte Orden ist sich seiner Verantwortung im Karmelitenorden und in der Welt bewusst. Mark Reuver OCarm schreibt dazu: "Der  Orden von heute ist sich dessen bewußt, daß sein größtes Apostolat das des Dritten Ordens ist. Das Erbe des Karmel ist kostbar, und der  beste und wirksamste Weg, es mit der Welt zu teilen, geschieht  durch den Dritten Orden." (nach Reuver, Catechism, S. 19)

Angesichts der Entwicklungen westlicher Gesellschaften hin zu einem extremen Individualismus, wodurch jeder Ankerpunkt außerhalb des Individuums verloren zu gehen scheint, will der Dritte Orden bewusst eine Gegenbewegung wagen, hin zur Einheit, hin zur wahren Freiheit. Zuerst ist es die Gewissheit ein ernsthaftes geistliches Leben leben zu wollen. Sein Leben ganz auf Gott hin auszurichten und in Jesus  Christus, dem Wort Gottes, den persönlichen Weg zu sehen. Diese  Ernsthaftigkeit hat Folgen für ein Leben, sowohl für die betreffenden Personen selbst, als auch für das Umfeld. Denn ein geistliches Leben leben das bedeutet: Zeit für Stille. In die Tiefe gehende Gespräche  aushalten. Tägliche geistliche Lesungen. Mut zur Eindeutigkeit. Mut zum persönlichen Weg. Schweigen.

Da der Karmel keinen Ordensgründer hat und die Ordensregel der  Karmeliten eine Art Gerüst darstellt, also nicht ausformuliert und  damit sehr kurz ist, ist ein mystischer Raum vorgegeben. Damit ist  der Weg im Dritten Orden ein mystischer Weg. Daraus lässt sich  erkennen, das auf Authentizität und Erkenntnisfähigkeit des  Einzelnen geschaut wird und auf das Hineinhören in die Berufung. Als Karmeliten möchten wir Seiner Einladung folgen, uns mit Ihm in unserem Selbst zu verbinden. Erst wenn wir allmählich lernen, die  Bedeutung des Außen zu relativieren, weitet sich der Blick darauf,  dass die Ursache des wahren Glückes, nämlich Gott, in uns selbst  wohnt und dort immer schon auf uns gewartet hat.

Im Dritten Orden des Karmel leben wir das eremitische Leben  inmitten der Welt.
Die größere Eigenständigkeit fordert immer wieder zur intensiven  Auseinandersetzung mit der eigenen Identität heraus.
Wir sehen uns in unserer Sehnsucht nach Gottesbegegnung in der  alten Tradition der Eremiten am Berg Karmel, genau wie auch unsere Schwestern und Brüder in den Klöstern.
Obwohl wir in unseren unterschiedlichen Lebenssituationen mit  unterschiedlichen Widrigkeiten kämpfen, führt uns unser aller Weg immer auf die eine oder andere Weise in die Begegnung mit Christus. Der Ort an dem wir stehen, führt nur unterschiedliche  Handlungsmöglichkeiten herbei.
Wir leben in dem Bewusstsein allein vor Gott zu stehen und  versuchen, alles loszulassen, um für ihn frei zu werden. Dabei  entfaltet sich aus dem Charismen der Kontemplation das Charisma  des Dienstes. Denn das Wirken nach außen ist Resultat der Beziehung zu Christus im Inneren. Die Verbundenheit und das Sein in der Liebe lässt die Notwendigkeiten für jeweiliges Handeln erkennen. Der  Samariter half dem Zusammengeschlagenen am Wegrand nicht, weil er ein Konzept verfolgte oder moralisch gut handeln wollte; er  erkannte in der Tiefe seiner selbst die Nicht-Unterscheidung seiner Tiefe von der Tiefe des anderen. Er begegnete sich selbst im anderen in seiner eigenen Menschennatur. In und aus dieser Art von  Begegnung gab die Liebe vor, was zu tun war (Lk 10,25ff).
 Aus der Identität als Gottsucher, die in dem Menschen Jesus ihren  spirituellen Lehrer auf dem Weg in die Christustransformation sehen, versuchen wir unsere Umgebung aus der Verbundenheit mit dem uns einwohnenden Christus in der Ausprägung der karmelitanischen  Spiritualität zu gestalten. Dabei ist die Stille der Raum, aus dem im  Hören die Kraft erwächst.
Wir erleben unseren Orden in der Orientierung aus Christus und auf Ihn hin als Teilhabe am mystischen Leib Christi. Damit eng verknüpft ist auch das Christusbewusstsein, das in der Tiefe eines jeden  freigelegt werden will, damit jeder erkennt, dass auch er oder sie  Sohn oder Tochter ist. „Ich will, Vater, dass auch sie eins sind.“ (Joh  17,11&22). Es ist unsere Bestimmung, uns in diesen Christus aus dem Vater umwandeln zu lassen, indem wir jetzt sterben, um neu zu  leben. Und doch gehört häufiges Misslingen zu unserem Alltag. Uns allen aber gemeinsam ist, dass wir versuchen, mit Seiner Hilfe immer wieder aufzustehen.

Wenn wir in dieser Haltung leben, dann sind wir wirklich ein Orden, in dem der, der eins mit dem Vater ist, die eine Mitte ist, aus dem, in dem und auf den hin wir leben, und der uns in die gleiche Einheit mit sich und dem Vater hineinführt, wenn wir unsere Bedürfnisse der Ich- Abgrenzung aufgeben und in Ihm eins werden. Wir alle antworten  mit unserer Profess auf die Erfahrung, dass wir fühlen, was die  Emmausjünger fühlten, „brannte uns nicht das Herz“ (Lk 24,33), und dass an uns geschah, was ihnen geschah, „da gingen ihnen die Augen auf“ (Lk 24,31)