Da ist es wieder. Dieses sonderbare und undefinierbare Gefühl von Leere in der Magengrube, Druck in der Brust verbunden mit Feuchtwerden der Augen, vielleicht eine Träne ohne Schmerz. Rührung, weil der Blick auf ein Kind fiel, das seiner Mutter die Hände hoch entgegenstreckte, mit strahlenden Augen, in den Augen der Mutter versinkend, die es in aller Zärtlichkeit aufnimmt. Die beiden entäußern sich, sind um ihre Person vergessen und sind eins. Es ist die Liebe.
Aber auch ich vergesse mich und bin mit meinem Blick in dem Geschehen und mit meinem Selbst in dieser Liebe. Leeregefühl in der Magengegend, Druck in der Brust und feuchte Augen. – Rührung.

Warum nur heißt dieses Wort Rührung, dem Verb rühren zugeordnet. Meine Gedanken sind beim Kuchenbacken. Wie mühselig ist es zu rühren, wenn die Masse nicht weich genug ist. Offenbar kann man nichts Starres rühren.

Wie starr können wir Menschen sein in unseren Vorstellungen, aber auch in der Abgrenzung zu anderen, nur damit wir uns durchsetzen oder schützen. Wieviel Energie bringen wir auf, damit wir um uns herum die schützenden Mauern aufrecht erhalten oder sie in Dicke oder Höhe verstärken.

Im Erhärten der Seele hinter diesen Mauern hat die Rührung es schwer. Und doch passiert es zuweilen, gleichsam als Geschenk, dass durch eine äußere Wahrnehmung eine Ahnung von etwas hinter den Mauern und unter der Schale entsteht. Dann bröckelt die Mauer und Tränen der Rührung machen weich, vielleicht unter Schmerz. Die Seele beginnt zu atmen, und ohne Mauern kann sie sich ausbreiten und fließen.

Seelenfließen. Zerfließen in den Ursprung und ins alles. Erfahrung von Liebe, Erfahrung Der Liebe. Es ist der Grund, warum sich Schmerz und Liebe so gleich anfühlen. Die Wüstenväter haben es die Gabe der Tränen genannt.

Es ist die Ahnung der Einheit. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein (Joh 17,21).
Es ist die Berührung mit der alles durchwirkenden und hervorbringenden Liebe. – Reines Geschenk. Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir (Apostelgeschichte 17,28)
Kein Streben, kein Tun oder Üben kann uns den Weg dahin führen. Nur im Loslassen können wir uns bereiten. Aber wenn wir diesen Weg gehen wollen, so sollen wir ihn nicht gehen wollen (Johannes vom Kreuz).
 

 

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DER DRITTE ORDEN DES KARMEL TOCarm - johannes soreth

Mein Gott lebt, und ich stehe vor SEINEM Angesicht