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DER DRITTE ORDEN DES KARMEL TOCarm - johannes soreth

Mein Gott lebt, und ich stehe vor SEINEM Angesicht

Teresa von Avilà
[Karmelheilige] [Teresa von Avilà] [Johannes vom Kreuz] [Johannes vom Kreuz2] [Theresia v. Lisieux] [Edith Stein] [Johannes Soreth] [Gedenkkalender]

537BENEDIKT XVI., GENERALAUDIENZ, Audienzhalle Mittwoch, 2. Februar 2011

http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/audiences/2011/docume nts/hf_ben-xvi_aud_20110202_ge.html

Hl. Teresa von Jesus

Liebe Brüder und Schwestern!

In den Katechesen, die ich den Kirchenvätern sowie großen Theologen  und Frauengestalten des Mittelalters gewidmet habe, hatte ich auch  Gelegenheit, über einige heilige Männer und Frauen zu sprechen, die  aufgrund ihrer herausragenden Lehre zu Kirchenlehrern erklärt wurden.  Heute möchte ich mit einer kurzen Reihe von Begegnungen beginnen,  die die Vorstellung der Kirchenlehrer abschließen soll. Und ich beginne  mit einer Heiligen, die einen der Höhepunkte der christlichen  Spiritualität aller Zeiten darstellt: mit der hl. Theresia von Ávila [von  Jesus].

Sie wird 1515 in Ávila in Spanien geboren, mit dem Namen Theresia de  Ahumada. In ihrer Autobiographie erwähnt sie selbst einige  Einzelheiten aus ihrer Kindheit: Von »tugendhaften und  gottesfürchtigen Eltern« wird sie in eine kinderreiche Familie  hineingeboren; es waren neun Brüder und drei Schwestern. Schon als  Kind – sie ist noch keine neun Jahre alt – liest sie die  Lebensbeschreibungen einiger Märtyrer, die in ihr den Wunsch nach  dem Martyrium wecken. Sie läuft sogar kurz von zu Hause weg, um als  Märtyrerin zu sterben und in den Himmel einzugehen (vgl. Das Buch  meines Lebens 1,4): »Ich will Gott schauen«, sagt die Kleine zu ihren  Eltern. Einige Jahre später wird Theresia über ihre Kindheitslektüre  sagen, daß sie darin die Wahrheit gefunden hat, die sie in zwei  grundlegenden Prinzipien zusammenfaßt: auf der einen Seite »die  Tatsache, daß alle Dinge dieser Welt vergehen«, und auf der anderen  Seite, daß nur Gott allein »für immer, für immer« ist. Dieses Thema  kehrt wieder in ihren berühmten Versen: »Nichts soll dich ängstigen,  nichts dich erschrecken! Alles geht vorüber: Gott, er bleibt derselbe.  Geduld erreicht alles. Wer Gott hat, dem fehlt nichts. Gott allein  genügt.« Als sie mit zwölf Jahren ihre Mutter verliert, bittet sie die  allerseligste Jungfrau Maria, ihre Mutter zu sein (vgl. Das Buch meines  Lebens 1,7).

In der Jugend hatte die Lektüre profaner Bücher sie zu den  Ablenkungen eines weltlichen Lebens geführt, aber die Erfahrung als  Schülerin der Augustinerinnen von »Nuestra Señora de Gracia« in Ávila  und der Umgang mit geistlichen Büchern, vor allem Klassikern der  franziskanischen Spiritualität, lehren sie die Sammlung und das Gebet.  Mit 20 Jahren tritt sie, ebenfalls in Ávila, in das Karmelitinnenkloster der  Menschwerdung ein; im Ordensleben nimmt sie den Namen Theresia  von Jesus an. Drei Jahre später wird sie so schwer krank, daß sie für  vier Tage ins Koma fällt und scheinbar tot ist (vgl. Das Buch meines  Lebens 5,9). Auch der Kampf gegen ihre Krankheiten ist für die Heilige  ein Kampf gegen die Schwächen und die Widerstände gegen den Ruf  Gottes. Sie schreibt: »Ich sehnte mich danach zu leben, denn ich  verstand sehr wohl, daß ich nicht eigentlich lebte, sondern mit einem  Schatten des Todes rang, aber es gab niemanden, der mir Leben gab,  selbst geben konnte ich es mir aber auch nicht; der es mir aber geben  konnte, hatte Recht, mir nicht zu Hilfe zu kommen, denn viele Male  hatte er mich wieder an sich gezogen, während ich ihn im Stich  gelassen habe« (Das Buch meines Lebens 8,12). 1543 verliert sie die  Nähe ihrer Angehörigen: Der Vater stirbt, und all ihre Brüder wandern  einer nach dem anderen nach Amerika aus. In der Fastenzeit des  Jahres 1554 erreicht Theresia mit 39 Jahren den Höhepunkt des  Kampfes gegen ihre Schwächen. Die zufällige Entdeckung des Bildes  »eines ganz mit Wunden bedeckten Christus« zeichnet ihr Leben  zutiefst (vgl. Das Buch meines Lebens 9). Die Heilige, die zu jener Zeit  in tiefem Einklang mit dem Augustinus der Bekenntnisse steht,  beschreibt den entscheidenden Tag ihrer mystischen Erfahrung so: »Es  widerfuhr mir …, daß mich ganz unverhofft ein Gefühl der Gegenwart  Gottes überkam, so daß ich in keiner Weise bezweifeln konnte, daß er  in meinem Innern weilte oder ich ganz in ihm versenkt war« (Das Buch  meines Lebens 10,1).

Mit dem Heranreifen ihrer Innerlichkeit beginnt die Heilige, das Ideal der  Reform des Karmelordens konkret zu entwickeln: 1562 gründet sie in  Ávila mit Unterstützung des Bischofs der Stadt, Alvaro de Mendoza,  den ersten reformierten Karmel, und wenig später erhält sie auch die  Approbation des Generaloberen des Ordens, Giovanni Battista Rossi.  In den folgenden Jahren gründet sie weitere neue Karmelklöster,  insgesamt 17. Grundlegend ist die Begegnung mit dem hl. Johannes  vom Kreuz, mit dem sie 1568 in Duruelo bei Ávila das erste Kloster der  Unbeschuhten Karmeliten gründet. 1580 erhält sie von Rom die  Genehmigung zur Errichtung einer autonomen Provinz für ihre  reformierten Karmelklöster: der Ausgangspunkt des Ordens der  Unbeschuhten Karmeliten. Theresia beendet ihr irdisches Leben  inmitten ihrer Gründungstätigkeit: Nachdem sie 1582 den Karmel von  Burgos errichtet hat und sich auf der Rückreise nach Ávila befindet,  stirbt sie in der Nacht auf den 15. Oktober in Alba de Tormes, während  sie demütig folgende Sätze wiederholt: »Letztlich sterbe ich als Tochter  der Kirche « und »Mein Bräutigam, die Stunde ist gekommen, daß wir  uns sehen«. Ihr Leben spielte sich innerhalb von Spanien ab, wurde  aber für die ganze Kirche hingegeben. Sie wird 1614 von Papst Paul V.  selig- und 1622 von Gregor XV. heiliggesprochen. Vom Diener Gottes  Paul VI. wird sie 1970 zur Kirchenlehrerin erklärt. 

Theresia von Jesus hatte keine akademische Ausbildung, aber sie hat  sich die Lehre von Theologen, Literaten und geistlichen Lehrern stets  zunutze gemacht. Als Schriftstellerin hat sie sich immer an das  gehalten, was sie persönlich erlebt oder in der Erfahrung anderer  gesehen hatte (vgl. Vorwort zum Weg der Vollkommenheit); sie ging  also von der Erfahrung aus. Theresia kann geistliche Freundschaften  mit vielen Heiligen knüpfen, insbesondere mit dem hl. Johannes vom  Kreuz. Gleichzeitig zieht sie Nahrung aus der Lektüre der Kirchenväter:  aus dem hl. Hieronymus, dem hl. Gregor dem Großen, dem hl.  Augustinus. Zu ihren größten Werken gehört vor allem ihre  Autobiographie mit dem Titel Das Buch meines Lebens; sie nennt sie  Von den Erbarmungen Gottes. Sie wurde 1565 im Karmel von Ávila  verfaßt und berichtet über den biographischen und geistlichen Weg,  der niedergeschrieben wurde, um – wie Theresia selbst sagt – ihre  Seele der Begutachtung durch den »Meister der geistlichen Menschen  «, den hl. Johannes von Ávila, zu unterziehen. Ziel ist es, die Gegenwart  und das Wirken des barmherzigen Gottes in ihrem Leben  hervorzuheben; daher gibt das Werk oft den Gebetsdialog mit dem  Herrn wieder.

Es ist eine faszinierende Lektüre, denn die Heilige erzählt nicht nur,  sondern sie zeigt, daß sie die tiefe Erfahrung ihrer Beziehung zu Gott  noch einmal durchlebt. 1566 schreibt Theresia den Weg der  Vollkommenheit; sie nennt ihn »Anweisungen und Ratschläge, die  Theresia von Jesus ihren Töchtern, den Ordensschwestern, gibt«.  Empfängerinnen sind die zwölf Novizinnen des Karmel »San José« in  Ávila. Ihnen bietet Theresia ein tiefgreifendes Programm des  kontemplativen Lebens im Dienst der Kirche, dessen Grundlage die  evangelischen Tugenden und das Gebet sind. Einer der wertvollsten  Abschnitte ist der Kommentar zum »Vaterunser«, dem Vorbild für das  Gebet. Das berühmteste mystische Werk der hl. Theresia ist die Innere  Burg, das sie 1577 schrieb, in voller Reife. Es ist eine neue Auslegung  ihres geistlichen Weges und gleichzeitig eine Kodifizierung des  möglichen Ablaufs des christlichen Lebens auf seine Fülle, die  Heiligkeit, hin, unter dem Wirken des Heiligen Geistes. Theresia greift  dabei zurück auf die Struktur einer Burg mit sieben Wohnungen als Bild  der Innerlichkeit des Menschen und führt gleichzeitig das Symbol der  Seidenraupe ein, die als Schmetterling neu geboren wird, um den  Übergang vom Natürlichen zum Übernatürlichen zum Ausdruck zu  bringen. Inspiriert durch die Heilige Schrift, besonders durch das  Hohelied, gelangt die Heilige am Ende zum Symbol der beiden  »Brautleute«, mit dem sie in der siebten Wohnung den Höhepunkt des  christlichen Lebens unter seinen vier Aspekten beschreiben kann: dem  dreifaltigen, dem christologischen, dem anthropologischen und dem  kirchlichen Aspekt. Ihrer Tätigkeit als Gründerin der reformierten  Karmelklöster widmet Theresia Das Buch der Gründungen, das  zwischen 1573 und 1582 entstanden ist und in dem sie über das Leben  der entstehenden Ordensgemeinschaft spricht. Wie bei der  Autobiographie soll der Bericht vor allem das Wirken Gottes beim Werk  der Gründung der neuen Klöster hervorheben. 

Es ist nicht leicht, die tiefe und vielschichtige Theresianische  Spiritualität in wenigen Worten zusammenzufassen. Erstens verweist  die hl. Theresia auf die evangelischen Tugenden als Grundlage des  ganzen christlichen und menschlichen Lebens: insbesondere die  Abkehr von den Gütern oder die evangelische Armut, und das betrifft  uns alle; die Liebe zueinander als wesentliches Element des  Gemeinschaftslebens und des gesellschaftlichen Lebens; die Demut  als Liebe zur Wahrheit; die Entschlossenheit als Frucht des christlichen  Wagemuts; die theologische Hoffnung, die sie als Durst nach dem  lebendigen Wasser beschreibt. Sie vergißt darüber jedoch nicht die  menschlichen Tugenden: Freundlichkeit, Wahrhaftigkeit,  Bescheidenheit, Höflichkeit, Fröhlichkeit, Bildung. Zweitens verweist  Theresia auf eine tiefe Übereinstimmung mit den großen biblischen  Gestalten und das aufrichtige Hören auf das Wort Gottes. Sie fühlt sich  im Einklang vor allem mit der Braut des Hohenlieds und mit dem  Apostel Paulus sowie mit dem leidenden Christus und dem  eucharistischen Jesus. Die Heilige hebt außerdem hervor, wie  wesentlich das Gebet ist. Sie sagt: Beten ist »nichts anderes als  Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen,  einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, daß er uns liebt«  (Das Buch meines Lebens 8,5). Die Idee der hl. Theresia stimmt mit der  Definition der theologischen Liebe durch den hl. Thomas von Aquin als  »amicitia quaedam hominis ad Deum« überein: eine Art Freundschaft  des Menschen mit Gott, der dem Menschen als erster seine  Freundschaft angeboten hat; die Initiative geht von Gott aus (vgl.  Summa theologiae II-II,23,1). Das Gebet ist Leben, und es entwickelt  sich nach und nach zusammen mit dem Wachstum des christlichen  Lebens: vom gesprochenen Gebet über die Verinnerlichung durch  Betrachtung und Sammlung bis hin zur liebenden Vereinigung mit  Christus und mit der Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Natürlich handelt es  sich nicht um eine Entwicklung, bei der man beim Aufstieg zu den  höheren Stufen die vorhergehende Art des Gebets zurückläßt, sondern  vielmehr wird die Beziehung zu Gott, die das ganze Leben umfaßt, nach  und nach vertieft. Bei Theresia handelt es sich nicht so sehr um eine  Unterweisung im Gebet als vielmehr um eine »Mystagogik«: Sie lehrt  den Leser ihrer Werke beten, indem sie selbst mit ihm betet; häufig  unterbricht sie den Bericht oder die Darlegung, um ein Gebet  hervorzubringen. Ein weiteres Thema, das der Heiligen am Herzen lag,  ist die Zentralität der Menschheit Christi. 

Für Theresia ist das christliche Leben eine persönliche Beziehung zu  Jesus, das seinen Höhepunkt in der Vereinigung mit ihm aus Gnade,  aus Liebe und in der Nachahmung findet. Daher mißt sie der  Betrachtung des Leidens große Bedeutung bei, ebenso wie der  Eucharistie als Gegenwart Christi in der Kirche, durch das Leben eines  jeden Gläubigen und als Herzstück der Liturgie. Die hl. Theresia lebt  eine bedingungslose Liebe zur Kirche: Sie offenbart einen aufrichtigen  »sensus Ecclesiae« angesichts der Spaltungen und Konflikte in der  Kirche ihrer Zeit. Sie reformiert den Karmelorden in der Absicht, der  »heiligen römisch-katholischen Kirche« besser zu dienen und sie  besser zu verteidigen, und ist bereit, ihr Leben für sie hinzugeben (vgl.  Das Buch meines Lebens 33,5). Ein letzter wesentlicher Aspekt der  Theresianischen Lehre, den ich hervorheben möchte, ist die  Vollkommenheit als Bestreben und Endziel des gesamten christlichen  Lebens. Die Heilige hat eine sehr klare Vorstellung von der »Fülle«  Christi, die der Christ aufs neue lebt. Am Ende des Weges der Inneren  Burg, in der letzten »Wohnung«, beschreibt Theresia diese Fülle,  verwirklicht in der Einwohnung der Dreifaltigkeit, in der Vereinigung mit  Christus durch das Geheimnis seiner Menschheit. 

Liebe Brüder und Schwestern, die hl. Theresia von Jesus ist eine wahre  Lehrerin des christlichen Lebens für die Gläubigen jeder Zeit. In  unserer Gesellschaft, in der es oft an geistlichen Werten mangelt, lehrt  uns die hl. Theresia, unermüdliche Zeugen Gottes, seiner Gegenwart  und seines Wirkens zu sein; sie lehrt uns, wirklich diesen Durst nach  Gott zu spüren, der in der Tiefe unseres Herzens vorhanden ist, dieses  Verlangen, Gott zu schauen, Gott zu suchen, mit ihm im Gespräch zu  stehen und seine Freunde zu sein. Das ist die Freundschaft, die wir alle  brauchen und nach der wir jeden Tag aufs neue suchen müssen. 

Das Vorbild dieser Heiligen, die zutiefst kontemplativ war und tatkräftig  ans Werk ging, möge auch uns anspornen, jeden Tag die rechte Zeit  dem Gebet , der Öffnung gegenüber Gott und diesem Weg zu widmen,  um Gott zu suchen, ihn zu schauen und seine Freundschaft und somit  das wahre Leben zu finden. Denn in Wirklichkeit müßten viele von uns  sagen: »Ich lebe nicht, ich lebe gar nicht wirklich, denn ich lebe nicht  das Eigentliche meines Lebens.« Die Zeit des Gebets ist daher keine  verlorene Zeit, sondern eine Zeit, in der sich der Weg des Lebens  öffnet, in der sich der Weg öffnet, um von Gott eine glühende Liebe zu  ihm, zu seiner Kirche und eine konkrete Liebe zu unseren Brüdern zu  lernen. Danke.

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